Der, der die Stunde bestimmen will
Von dem Tag aber und der Stunde weiß niemand
Novelle von Siegfried Müller
Niemand geht, ohne Spuren zu hinterlassen.
Manchmal braucht es den Schritt zurück,
Um den nächsten nach vorn zu finden.
Prolog
Ein einziger Buchstabe entscheidet über die Richtung.
Man kann seine Jahre verleben. Man steht morgens auf, erledigt Pflichten, schaut auf Uhren, zählt Kalenderblätter und verwaltet das Vergehen der Tage. Das ist ein Dasein ohne Aufbäumen, oft vernünftig, stets abgesichert – und am Ende seltsam leer. Wer sein Leben bloß verlebt, betrachtet die Zeit wie ein Guthaben, das langsam aufgebraucht wird.
Fügt man diesem Wort jedoch ein einziges i hinzu, kippt die Bedeutung vollständig.
Sich in das Leben verlieben.
Nicht in ein ideales Bild davon, nicht in kitschige Versprechen, sondern in die Wirklichkeit mit all ihren Brüchen, Unwägbarkeiten und Zumutungen. Wer sich in das Leben verliebt, will es nicht länger kontrollieren, berechnen oder nach Plan beenden. Er nimmt es an.
Die meisten Menschen haben Angst vor dem Vergehen der Zeit. Sie rüsten sich mit Terminen, Verträgen oder Medikamenten gegen das Unvermeidliche.
Doch der Unterschied zwischen Resignation und Erfüllung liegt oft nur in diesem winzigen Schritt: Aufzuhören, die Zeit lediglich zu verleben – und wieder zu lernen, sich in jeden einzelnen Tag zu verlieben.
Ich erwache.
Vor dem ersten Gedanken über die Bedeutungslosigkeit dieses Tages ist dieses Chanson wieder da: „Werd’ ich noch jung sein, wenn ich älter bin?“ Längst von mir vergessen, lief es gestern Nachmittag in der HR4-Sendung „Wünsch dir was“ – der Musikgruß eines Hörers zum Geburtstag seines Vaters.
Soweit ich mich erinnere, wurde das Lied 1978 erstmals von Reiner Schöne, Jahrgang 1942 gesungen. Der Text stammt von Konstantin Wecker, Jahrgang 1947. Zwei Künstler meiner Generation. Damals, im jugendlichen Alter von einunddreißig Jahren, war das Thema ohne jede Relevanz für mich.
Heute, dem Tag meines achtzigsten Geburtstags, bei noch wachem Verstand und bislang ohne nennenswerte körperliche Einschränkungen, drängen sich diese Zeilen mit Macht auf und lassen mich nach Antworten suchen. Ich greife nach dem Smartphone auf dem Nachttisch, suche nach dem Titel und starte den Stream.
Reiner Schöne singt über die Furcht, an der eigenen Sicherheit zu ersticken, über den schleichenden Verlust des eigenen Wesens und das bloße Verwalten von Tagen. Früher klangen solche Verse nach Zukunftsmusik oder Melancholie. Heute wirken sie wie eine nüchterne Bestandsaufnahme. Denn ich bin nicht mehr auf dem Weg dorthin. Ich bin mittendrin.
Vor achtzig Jahren erblickte ich das Licht der Welt. Für diesen heutigen Tag plante meine Familie eine dem Anlass entsprechend würdige Feier. Familienfeiern, insbesondere Geburtstage, bedeuten mir nichts. Ich sehe keinen Sinn darin, ein Datum zu feiern, das nicht von mir verantwortet wurde; einen Tag, der mir nur bewusst macht, wieder dreihundertfünfundsechzig Tage näher an mein unabänderliches Lebensende gerückt zu sein.
Mein Credo lautet, nicht einen einzelnen Tag im Jahr hervorzuheben, sondern jeden Morgen wie ein Geschenk anzunehmen und zu gestalten, als wäre er ein neuer Beginn.
Die griechischen Philosophen wussten um die Nachbarschaft von Nacht und Vergehen: Hypnos und Thanatos, Schlaf und Tod, als unzertrennliche Zwillingsbrüder. Jedes Erwachen war für sie im Grunde ein Sieg über das Nichtsein, jedes Einschlafen eine Übung im Loslassen. Warum sollte man ein willkürliches Kalenderblatt mit erzwungener Fröhlichkeit begehen, wenn das bloße Aufschlagen der Augen an jedem beliebigen Morgen das eigentliche Wunder darstellt?
Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Die Feier am Abend werde ich hinter mich bringen, wie man Pflichten bewältigt, die einem die Zuneigung anderer auferlegt. Bis die ersten Gäste eintreffen, bleiben mir noch etliche Stunden, allein für mich.
Ich sehne mich nach frische Luft und Bewegung. Zunächst, nach dem Aufstehen, wie gewohnt der unverzichtbare Kaffee. In der Küche gluckert die Maschine, die wie jeden Tag auf sieben Uhr eingestellt ist. Während die letzten Tropfen in die Kanne fallen, greife ich nach dem Zettel, auf dem fehlende Kleinigkeiten für den Abend notiert sind.
Dreißig Minuten später trete ich auf die Straße, den Mantelkragen gegen den kühlen Wind hochgeschlagen, und halte auf den nahegelegenen Supermarkt zu. Bewegung in meinem Alter ist sinnvoll – will man wie ich eines Tages am Abend gesund einschlafen und am Morgen friedlich tot aufwachen. Noch ahne ich nicht, dass dort zwischen den Regalen eine Zahl auf mich wartet, die mein bisheriges Zeitmaß aus den Fugen heben wird. Seit meinem sechzigsten Geburtstag pflege ich den stillen Brauch, an jedem Jahrestag einen Zentimeter von einem hundert Zentimeter langen Bandmaß abzuschneiden. Zwanzig Restzentimeter verbleiben ab heute bis zur Hundert – das Maß an Lebenszeit, das ich mir zugestanden habe.
Im Laden herrscht reges Treiben. Nachdem die Besorgungen im Wagen verstaut sind, reihe ich mich an der geöffneten Kasse ein. Direkt vor mir steht ein Mädchen, etwa sechs Jahre alt, vermutlich kurz vor der Einschulung. In jeder Hand hält sie eine Tafel Schokolade fest umklammert. Das Kind dreht sich um. Unter einer schief sitzenden Wollmütze quellen rote Locken hervor. Zwei grüne Augen mustern mich neugierig. Ihre Erscheinung weckt in mir die Erinnerung an Otfried Preußlers kleine Hexe: unerschrocken, schelmisch, unbeeindruckt von den festen Regeln der Erwachsenenwelt. Bei Preußler zählt sie einhundertsiebenundzwanzig Jahre – für ihr Volk ist sie damit blutjung.
Das Mädchen tritt einen Schritt zur Seite, deutet auf die freie Fläche vor sich und nickt mir zu – eine Einladung, meinen Einkaufswagen vorzuschieben.
„Wenn du das noch öfter tust, schmilzt die Schokolade in deinen Händen zu Kakao“, spreche ich sie mit einem Lächeln an. „Stell dich ruhig wieder vor mich. Ich habe Zeit.“
Das Mädchen tritt zurück an seinen Platz, wendet sich mir zu und fragt: „Wie alt bist du denn?“
„Ich werde heute achtzig.“
„Meine Oma wurde sechsundachtzig.“
„Dann werde ich mich anstrengen, um dieses Alter ebenfalls zu erreichen.“
„Musst du nicht. Du wirst einhundertdreiundzwanzig.“ Sie legt die beiden Tafeln auf das Band, reicht der Kassiererin das Geld und nimmt die Schokolade an sich. Ohne sich umzusehen, läuft sie durch die Schiebetür ins Freie. Während die Kassiererin meinen letzten Artikel über den Scanner zieht und die Summe nennt, mummle ich vor mich hin: „Dreiundvierzig.“ „Nein, 22,40 Euro“, wiederholt die Kassiererin.
Draußen empfängt mich die kühle Morgenluft. Dreiundvierzig Jahre. Ein ganzes zweites Erwachsenenleben, unverhofft in den Raum gestellt von einem fremden Kind an der Kasse. Was fängt ein Achtzigjähriger mit einer solchen Spanne an? Die meisten Gleichaltrigen richten sich im Stillstand ein, verwalten Wehwehchen und warten auf dem Sofa auf das Unabwendbare. Ein solches Dasein wäre mir ein Gräuel. Doch wie füllt man vier unberührte Jahrzehnte, wenn der eigentliche Lebensplan bereits weitgehend erfüllt ist? Mir fällt zunächst keine Antwort ein.
Mitten in dieses ratlose Nachdenken schiebt sich plötzlich eine Erinnerung: ein Bericht auf Arte über die luxemburgische Stadt Echternach und ihre weltberühmte Springprozession, die zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit zählt. Tausende Menschen bewegen sich im Takt durch die Gassen. Das Besondere ist die Art des Vorankommens: drei Schritte vor, zwei zurück. Eine Bewegung, die auf den ersten Blick wie ein mühsames Straucheln wirkt. In Wahrheit ist dieser rückwärts gerichtete Schritt kein Zeichen von Schwäche oder Umkehr. Er ist ein rituelles Innehalten, ein bewusstes Maßnehmen, um den nächsten Tritt umso gefestigter zu setzen.
Niemand geht, ohne Spuren zu hinterlassen, geht es mir durch den Kopf, und manchmal braucht es den Schritt zurück, um den nächsten nach vorn zu finden.
Das ist der Weg. Wenn die Zukunft keinen fertigen Weg vorgibt, lohnt die Rückkehr an jenen Punkt, an dem das eigene Leben erstmals eine selbstgewählte Richtung einschlug.
Schnell stelle ich die Einkäufe in der Küche ab, begebe mich ins Arbeitszimmer und starte den Rechner. Meine Gedanken wandern sechs Jahrzehnte zurück: der frisch erworbene Führerschein in der Tasche, der alte hellblaue VW Käfer, Baujahr 1958, den ich meinem Vater abkaufte und bei knapp über 300 Mark Monatslohn mühsam abzahlte. Die erste Fahrt in den Urlaub, vierzehn Tage Unabhängigkeit. Damals, in Garmisch, begann meine eigene Zeitrechnung als Geselle im Kfz-Handwerk.
Wenn ich erfassen will, was vor mir liegt, muss ich diesen Boden erneut betreten. Den Blick auf die Berge suchen, die unverrückbar stehen, während Menschenleben vergehen.
Mit wenigen Klicks buche ich eine Fahrkarte für den nächsten Morgen: erste Klasse, ICE nach München, dann weiter nach Garmisch. Den schweren Koffer lasse ich am frühen Nachmittag vom Gepäckdienst abholen.
Die Geburtstagsfeier am Abend überstehe ich wie ein Pflichtprogramm. Ich nehme Glückwünsche und Geschenke entgegen, schenke Wein nach, nicke zu den üblichen Witzen über das Älterwerden und behalte für mich, was mich innerlich umtreibt. Niemand von den Gästen ahnt, dass die Tasche für den Aufbruch längst bereitsteht. Als gegen Mitternacht die Haustür hinter dem letzten Besucher ins Schloss fällt, bleibt kaum noch Zeit für Schlaf.
Frankfurt, kurz vor sechs.
Das Taxi rollt durch die Straßen zum Bahnhof. Die Stadt erwacht. Aus den Schlitzen der Lüftung strömt warme Luft; vorne lenkt der Fahrer den Wagen durch die Kurven. Eine kurze Nachricht per Smartphone geht an die Familie: „Danke für die schöne Feier und Geschenke. Fahre für einige Tage nach Garmisch. Macht euch keine Sorgen. Gruß Papa.“
Ich schalte das Smartphone komplett aus und verstaue es in der Reisetasche. Ich will die Reise genießen, ohne den Druck, ständig erreichbar sein zu müssen. Es reicht völlig, das Gerät einmal am Tag einzuschalten und nachzusehen, ob eine Nachricht vorliegt.
Beim Packen der Reisetasche überlegte ich kurz, ob ich die Präsente mitnehmen sollte. Bei genauerem Hinsehen bilden sie ein bemerkenswertes medizinisches Sortiment ab: Da stehen hochdosierte Kapseln mit Ginkgo und B-Vitaminen für die geistige Frische, ergänzt durch Augentropfen zur Schärfung der nachlassenden Sehkraft. Eine Großpackung Weißdorn für das alternde Herz, dazu Kapseln mit einem Konzentrat aus Grünlippmuscheln gegen das Knirschen in den Gelenken.
Den Höhepunkt bildete allerdings ein persönliches Glückwunschschreiben der örtlichen Filialkette für Brillen und Hörgeräte, das pünktlich vom Briefträger in den Briefkasten geworfen wurde.
Offenbar hinterlasse ich nicht nur bei meinen Nächsten, sondern selbst im regionalen Einzelhandel den Eindruck eines Mannes, dessen körperlicher Verfall unmittelbar bevorsteht. Man rüstet mich für die Pflegestufe.
Ich muss schmunzeln. Nachdem mir die kleine Hexe an der Supermarktkasse 123 Lebensjahre vorhersagte – und damit weitere 43 geschenkte Jahre –, muss ich mir um die Mindesthaltbarkeit der Präparate keine Sorgen machen. Mein Verfallsdatum liegt damit weiter entfernt, und bis dahin werde ich die Mittelchen aufgebraucht haben. Schaden wird es nicht, wenn ich mit der Einnahme nach meiner Rückkehr beginne.
Allerdings verlasse ich mich nicht auf deren Wirkversprechen. Ich gebe den drei eigentlichen Bausteinen für ein körperlich und geistig gesundes Alter den Vorrang: mich täglich bewegen, mich für meine Umwelt, die Politik und alles Neue interessieren – und immer ein klares Ziel vor Augen haben, dessen Erreichen nicht erst fünfzig Jahre in der Zukunft liegen muss.
Zwischen zwei Häuserzeilen taucht die Sichel des abnehmenden Mondes auf. Nach dem Mondkalender markiert dieses Bild das Ende eines Zyklus – die letzten Tage vor dem kurzen Verschwinden des Mondes. Achtzig Jahre liegen hinter mir. Das Zeichen am Himmel kündigt kein Vergehen an, sondern den Beginn der nächsten Runde. Die kommenden Jahrzehnte verlangen Vorbereitung durch eine Rückblende.
Der Wagen hält vor dem Portal des Hauptbahnhofs. Geld wechselt den Besitzer, die Reisetasche wandert über die Schulter. In der Empfangshalle schaue ich zur großen Anzeigetafel hinauf.
ICE 701 nach München Hbf – über Hanau – Aschaffenburg – Coburg – Bamberg – Erlangen – Nürnberg – Ingolstadt. Gleis 9. Abfahrt 6:20.
Erstaunlich pünktlich – keine Verspätung, obwohl aus Hamburg kommend. Nicht zufällig fiel die Wahl auf genau diese Verbindung. Mit der schnelleren Trasse über Würzburg verbindet mich nichts. Die Route über Bamberg hingegen führt mitten durch meine Kindheit und Jugend. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke hoch, nehme die Reisetasche auf und gehe zu Gleis 9. Der ICE nach München, eine Zuggarnitur älterer Bauart mit klassischen Abteilen, steht bereit.
Reisende mit rollenden Koffern hasten durch die Halle, aus den Lautsprechern dringt das metallische Echo unverständlicher Durchsagen. Ein Mann im Laufschritt rempelt mich unsanft an. „Entschuldigen Sie!“, ruft der Vorbeieilende. Am Ärmel seiner dunkelblauen Marinebluse blitzt in Gold das gestickte Äskulapstab-Abzeichen auf – das Laufbahnabzeichen des Sanitätsdienstes. Der flüchtige Anblick weckt augenblicklich Erinnerungen an meine vierjährige Dienstzeit als Sanitäter und Krankenpfleger, die ich ebenfalls bei der Marine als Zeitsoldat leistete.
Am Waggon angekommen, in welchem sich mein reservierter Sitzplatz befindet, steige ich ein. Der schwere Reisekoffer wartet längst am Zielort; eine spürbare Erleichterung. Im Abteil verstaue ich die Reisetasche auf der Ablage und lasse mich auf den Fensterplatz sinken.
***
Meine Reise beginnt
Eine Erinnerungsreise und damit der erste Schritt zurück in die Zukunft. Pünktlich verlässt der Zug den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Haltepunkte Hanau und Aschaffenburg sind weiße Flecken in meiner Erinnerung.
Der Zug erreicht Coburg
Vom Berg herab grüßt die Festung, auf dem höchsten Punkt der Stadt erbaut und von den Einheimischen nur „die Veste“ genannt. Der Familienausflug anlässlich meiner ersten Kommunion führte dorthin.
Der Zug hält. Die Schiebetür des Abteils wird energisch geöffnet. Ein etwa 50-jähriger Mann tritt ein und lässt sich nach einem kurzen Nicken, welches wohl als Gruß gemeint ist, mir gegenüber in den Sitz fallen. Aus einem stabilen Handkoffer entnimmt er ein Tablet, legt es auf den Klapptisch, startet es und beginnt zu lesen. Wie mir scheint, überfliegt er eingegangene E-Mails. Dann vibriert sein Smartphone. „Ja, ich sitze im Zug, keine Sorge, ich werde pünktlich sein“, dringt seine gedämpfte Stimme durch das Abteil. Ein Geschäftsmann auf dem Weg zu einem Termin?
Während ich die vorbeiziehende Landschaft betrachte, höre ich ihn ab und zu leise vor sich hinfluchen. Offenbar bricht das Internetsignal wiederholt ab. Ich verstehe seinen Ärger, bin jedoch froh, entgegen dem Klischee von den ewig gehetzten Rentnern meine Zeit ganz ohne Termindruck verbringen zu können.
Das erinnert mich an ein Erlebnis vor einigen Wochen. An der Kasse stand ich am Ende einer langen Warteschlange. Das Band war vollgepackt. Da ich meine Einkäufe noch nicht auflegen konnte, ließ ich den Wagen kurz stehen, um mir aus einem nahegelegenen Regal noch eine Packung Waffeln zu greifen. Ein junges Paar, das hinter mir gewartet hatte, nutzte den Moment, schob meinen Wagen beiseite und legte die eigenen Waren auf den freien Platz.
Mein erster Impuls war Ärger über diese Dreistigkeit. Ich fragte die junge Frau jedoch betont ruhig, ob sie kein schlechtes Gewissen habe. Sie blickte mich unverfroren an: „Warum? Ihr Wagen stand doch da hinten.“ Dann drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und sagte laut: „Der hat wohl Angst, dass er hier an der Kasse wegstirbt.“
Ich musste kurz schlucken. Dann sah ich ihr direkt in die Augen: „Wer weiß – vielleicht sterben Sie ja vor mir.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihe der Wartenden; ein älterer Herr nickte mir zustimmend zu. Mit rotem Kopf packte die Frau hastig ihre Sachen zusammen und verließ mit ihrem sichtlich beschämten Begleiter den Laden.
Lichtenfels
Korbflechterzentrum und die Stadt, in deren Krankenhaus mein Leben begann. Der Zug nimmt wieder Fahrt auf und folgt dem Maintal.
Rechts oben, auf einem bewaldeten Bergkamm nahe Staffelstein, thront Kloster Banz. In meinen Kindertagen lebten dort Mönche, später diente die Anlage als Altenheim. Heute gehört das barocke Bauwerk der Hanns-Seidel-Stiftung, und die bayerische Politik nutzt die alten Klostermauern für ihre Klausurtagungen und Strategietreffen. Die Geschichte wechselt ihre Akteure, der Sandstein bleibt.
Wenn mich die Familie sonntags mit in die Klosterkirche nahm, überkam mich während der Messe regelmäßig ein Schaudern. Hinter Glas und kunstvoll verzierten Gittern ruhten die Gebeine von Heiligen in ihren Schreinen. Als Junge blickte ich fasziniert und beklommen zugleich auf die skelettierten Finger und die mit Goldfäden umwickelten Schädel. Es war die erste, unverhohlene Begegnung mit den Überresten des Lebens, mitten im Weihrauchduft und Chorgesang. Schon damals begriff ich: Am Ende bleibt von jedem von uns nur ein Gerüst übrig, ganz gleich, welchen Rang man zu Lebzeiten bekleidete.
Auf der linken Talseite, fast genau gegenüber, liegt Vierzehnheiligen. Die Basilika drängt sich nicht auf; sie thront nicht hochmütig auf einem Felsen, sondern schmiegt sich ruhig an den Hang des Hügels. Erbaut von Balthasar Neumann, der auch das berühmte Treppenhaus der Würzburger Residenz schuf. Das Zusammenspiel der beiden Monumente prägte die Landschaft meiner Kindheit.
Unten am Fluss liegt Reundorf. Zehn Jahre meiner Jugend verbrachte ich in diesem Dorf. Fast pünktlich zur Schneeschmelze im Frühjahr stieg das Wasser über die Ufer und flutete Straßen und Höfe. Niemand regte sich darüber auf. Es gab keine Hektik, keine lauten Klagen; man stellte die Gummistiefel bereit und räumte die Keller leer. Die Überschwemmung kam mit der gleichen Verlässlichkeit wie der eigene Geburtstag – gefeiert wurde sie freilich nicht. Man nahm die Dinge hin, wie die Natur sie vorsah, passte sich an und wartete, bis der Fluss sich wieder zurückzog.
Zwischen Lichtenfels und Staffelstein erinnere ich mich, bei der Fahrt unter einer Straßenüberführung, an den Mann, der über das Geländer der Brücke vor einen Güterzug sprang. Meine erste Erfahrung damit, dass es Menschen gibt, die sich selbst töten.
Ich blicke hinüber Mitreisenden, der noch immer nervös auf sein Tablet tippt. Wie viel Energie Menschen vergeuden, um jede Kleinigkeit zu steuern und abzusichern, während der eigentliche Lebensrhythmus längst an ihnen vorbeizieht.
Bamberg
Die Bischofsstadt mit ihrem Dom und der Michaelskirche, beide auf Hügeln über der Stadt thronend. Bekannt auch als Gärtnerstadt mit einem umfangreichen Gemüsezwiebelanbau, was den Bewohnern den Spitznamen „Bamberger Zwiebeltreter“ einbrachte. Direkt ans Regnitzufer gebaut die malerischen Fischerhäuser, als „Klein Venedig“ in Reiseführern gerühmt, ebenso wie das auf einer Flussinsel erbaute alte Bamberger Rathaus. Die Universitätsstadt blickt auf eine lange akademische Tradition zurück, insbesondere in den Geisteswissenschaften, der Theologie und der Philosophie.
Der Zug hält planmäßig. Kurz darauf gleitet die Glastür auf. Eine Frau tritt ein, kaum älter als fünfundzwanzig. Ihr folgt ein Herr mittleren Alters, der sich ihr gegenüber niederlässt. Sie entnimmt ihrer Reisetasche ein Buch und legt es auf denen Sitz, bevor sie diese über sich auf der Ablage verstaut. Dem Cover nach ein Werk von Sartre – womöglich eine Studentin der Philosophie oder Psychologie von der hiesigen Universität. Sie setzt sich neben mich. Der Herr ihr gegenüber im schwarzen Anzug trägt ein Kreuz am Revers angesteckt; er senkt seinen Kopf nach vorn, die Augen geschlossen. Ein Geistlicher – im Gebet versunken?
Die Atmosphäre gleicht der Enge eines Fahrstuhls, in dem jeder sorgsam darauf bedacht bleibt, die Grenze der fremden Distanzzone zu wahren. Ein kaum spürbarer Ruck verrät, dass sich der Zug wieder in Bewegung setzt.
Bei Bischberg fällt mein Blick auf die erste Schleuse des Rhein-Main-Donau-Kanals. Ruhig liegt das Wasser in dem massiven Betonbecken. Ein Schiff wartet darauf, gehoben zu werden, um die Wasserscheide zu bezwingen und den Weg vom Main hinüber zur Donau fortzusetzen. Das Heben und Senken, das geduldige Abpassen des richtigen Wasserstands – eine Technik, die den Fluss zähmt, aber Zeit verlangt.
Im Abteil herrscht weiterhin Schweigen. Niemand schaut hinaus. Die junge Frau liest in ihrem Sartre, der Geistliche verharrt reglos, und der, vermutliche Geschäftsmann, wischt eilig über sein Display. Drei Menschen auf engstem Raum, jeder in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen, während draußen das Land im gleichmäßigen Takt an uns vorüberzieht.
Nürnberg Hauptbahnhof.
Die Tür unseres Abteils wird zur Seite geschoben.
Ein weiterer Reisender steigt zu, nickt flüchtig in die Runde und nimmt seinen Platz ein. Ich mustere ihn verstohlen: Er trägt eine farbig abgestimmte Kombination mit Blazer, graumeliertes Haar, schätzungsweise Mitte fünfzig. Aus einem Aktenkoffer entnimmt er ein Schriftstück und beginnt zu lesen.
Über die dicht an dicht folgenden Weichen schaukelt der Zug aus dem Bahnhofsbereich heraus. Auf freier Schnelltrasse kehrt das Geräusch gleichmäßige rollender Räder zurück. Auf freier Trasse beschleunigt der Zug. Rechts zieht in der Ferne der Rhein-Main-Donau-Kanal vorbei, bevor die Strecke das Altmühltal erreicht.
Eine 171 Kilometer lange Wasserstraße – die Verbindung von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer – begann 1960 bei Bamberg mit dem ersten Spatenstich. Ich erinnere mich daran, während meiner Ausbildung zum Kfz-Elektriker auf der Sohle des noch trockenen Kanals schwere Baumaschinen repariert zu haben: Bagger und riesige Muldenkipper von Caterpillar. Damals gab es diesen Beruf noch. Kraftfahrzeuge kamen ohne Elektronik aus und ließen sich ohne Computer instand setzen. Heute lautet die Bezeichnung Kfz-Mechatroniker.
In den vergangenen achtzig Jahren hat sich nicht nur ein Name gewandelt, sondern die gesamte Welt. Technisch, gesellschaftlich und politisch. Wir fliegen zum Mond, bleiben über Handys ununterbrochen erreichbar, und Algorithmen greifen in das Denken ein. Die einzige Konstante im Leben bleibt die Veränderung; der griechische Philosoph Heraklit behält recht.
Mein eigener Weg blieb von diesem Gesetz nicht unberührt. Die Faszination für Kabelbäume, Relais und mechanische Verbrennungsmotoren wich mit den Jahren dem Blick auf den Menschen. Die Ausbildung zum Heilpraktiker folgte. Aus dem Reparieren toter Materie wurde die Beschäftigung mit den Selbstheilungskräften des Körpers, mit Schmerz, Alter und Vergänglichkeit. Stillstand existiert nicht; alles fließt weiter.
Nothalt
Ein schrilles Kreischen zerreißt die Stille. Blockierte Räder rutschen über den Stahl der Schienen. Ein harter Ruck wirft mich nach vorn, als die Notbremsung den Zug abrupt zum Stehen bringt. Von der Gepäckablage stürzt eine Tasche herab und landet unsanft auf den Knien der beiden Männer mir gegenüber. Das Tablet gleitet vom Klapptisch; der Geschäftsmann bewahrt es im letzten Moment vor dem Sturz auf den Boden. Er stellt das Gerät zurück auf die Klappe. „Wieder jemand, der seinen Abgang auf Kosten des Fahrplans inszeniert.“ Der Mann mit der Kreuznadel senkt den Kopf und zeichnet bedächtig das Kreuzzeichen über seine Brust. „Der Herr sei seiner Seele gnädig“, murmelt er in die Stille des Abteils.
Die Schiebetür gleitet auf. Ein Zugbegleiter vergewissert sich mit einem raschen Kontrollblick, ob jemand verletzt ist. Nach dem kurzen Hinweis, dass nach einer Notbremsung das Triebfahrzeug und das Fahrwerk überprüft werden müssen, schiebt er die Tür wieder zu und eilt weiter. Das dumpfe Einrasten des Riegels setzt einen Schlusspunkt hinter das hektische Treiben auf dem Gang. Zurück bleibt Stille, unterbrochen vom fernen Summen der Lüftung und dem leisen Knacken der abkühlenden Bremsbeläge unter dem Waggonboden.
Mein Blick wandert durch die Runde. „Das wird dauern“, bemerke ich. „Mein Name ist Michael. Mein Ziel ist Garmisch. Den Anschluss in München werde ich wohl verpassen.“
„Frank Bellershausen. Bleiben wir gern beim Sie, Frank genügt“, stellt sich mein Gegenüber vor. „Mein Ziel ist München. Ein Gerichtstermin, den ich unmöglich verschieben kann – die Liquidation einer mittelständischen Gesellschaft.“ Mit einem flüchtigen Blick auf mein Haar setzt er hinzu: „Rentner müsste man sein, dann sind Termine Vergangenheit.“
Der Geistliche blickt auf. „Pater Johannes. Nennen Sie mich schlicht Pater. Meine Reise endet ebenfalls in München. Termine kenne ich in meiner Welt glücklicherweise kaum.“
Der ältere Herr im grauen Wollblazer schräg gegenüber, der bis zu diesem Moment wie ein unbeteiligter Beobachter gewirkt hat, blickt kurz hoch. „Richard“, stellt er sich knapp vor. Die Haltung bleibt reserviert; mehr gibt er zunächst nicht preis.
Die junge Frau neben mir zögert einen Moment. Sie schiebt sich eine dunkle Haarsträhne hinter das Ohr und blickt lächelnd in die Runde. „Sophie“, sagt sie kurz und vertieft sich wieder in den Text des Buches. Aus fünf Reisenden ist eine flüchtige Gemeinschaft auf Zeit geworden.
Draußen am Waldrand fällt mir eine Bewegung auf. „Die Ursache für die Bremsung war wohl kein Lebensmüder“, stelle ich fest und deute hinaus. „Sondern die Rotte Wildschweine, die dort gerade im Dickicht verschwindet.“
„Da war Ihr Gebet wohl umsonst“, stichelt Frank in Richtung des Geistlichen.
„Gebete sind nie umsonst“, erwidert dieser ruhig.
„Ach so? Hat Ihr Schöpfer den Tieren denn ebenfalls eine Seele eingehaucht wie dem Menschen?“, setzt Frank spottend nach.
Der Geistliche schweigt. Stattdessen schaltet sich Sophie ein. Sie klappt das Buch zu, den Zeigefinger zwischen den Seiten, und schaut in die Runde. „Was verbinden Sie überhaupt mit dem Begriff Seele?“, fragt sie ruhig. „Eine vorgegebene Substanz – oder existiert am Ende nur das, was ein Mensch durch seine freien Handlungen aus sich macht, bis er stirbt?“
Der Geistliche faltet die Hände auf den Knien. „Im Alltag verkürzen wir die Seele oft auf den Verstand“, antwortet er. „In der Theologie bedeutet sie weit mehr: Sie ist der Lebensodem. Alles, was atmet, wächst und sich entfaltet, trägt diesen Funken in sich. Die Tiere im Wald, das Gehölz, im Grunde die gesamte Schöpfung. So verstehe ich die Seele: als Bindeglied jedes Geschöpfs zu seinem Ursprung – und das unbedingte Ja des Schöpfers zu allem Leben.“
Frank schüttelt den Kopf, tippt mit dem Zeigefinger auf sein Tablet und mustert die Anwesenden. „Das klingt in der Theorie erhebend“, wendet er sachlich ein, „bleibt für mich aber reine Lyrik. In dieser Welt hat vor allem eines eine Seele: das Geld. Erst Kapital setzt Dinge in Bewegung. Damit lässt sich etwas erschaffen: ein Haus, materielle Sicherheit, Verlässlichkeit. Und man kann damit die eigene Familie absichern. Ohne finanzielle Mittel bleibt der schönste Lebensfunke handlungsunfähig.“
„Die Sichtweise, Lebensqualität rein am Besitz materieller Güter festzumachen, greift zu kurz“, schalte ich mich ein. „Hier richtet sich das Dasein ausschließlich nach Haben oder Nichthaben aus. Dazu fällt mir ein Satz von Arthur Schopenhauer ein: ‚Überhaupt aber beruhen neun Zehntel unseres Glückes allein auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses: Hingegen ist ohne sie kein äußeres Gut, welcher Art es auch sei, genießbar, und selbst die übrigen subjektiven Güter, die Eigenschaften des Geistes, des Gemüts, des Temperaments, werden durch Kränklichkeit herabgestimmt und verkümmert. Daher ist ein gesunder Bettler wahrhaft glücklicher als ein kranker König.‘,soweit zu Schopenhauer.“
Sophie blickt von ihrem Buch auf. „Er zieht daraus aber noch eine ganz andere Konsequenz: ‚Hieraus folgt, dass die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.‘“
Frank nickt langsam. „Schön und gut“, sagt er leise. „Ich widerspreche Ihnen gar nicht. Genau darum geht es mir doch. Wenn der Körper verfällt, wenn der Geist nachlässt, wenn man fremde Hilfe beim Aufstehen oder Anziehen benötigt – was nützt einem dann noch das aufgebaute Vermögen? Nichts. Man wird zum Verwalter des eigenen Niedergangs.“ Er legt das Tablet zur Seite und stützt die Unterarme auf den Tisch. Sein Blick wandert vom Geistlichen hinüber zu mir. „Für mich habe ich deshalb eine klare Grenze gezogen. Ich werde nicht warten, bis die Natur mir die Zügel aus der Hand nimmt. An meinem achtzigsten Geburtstag ist Schluss. Bei klarem Verstand, selbstbestimmt und geordnet. Bevor ich senil werde, meine Schaffenskraft verliere oder anderen zur Last falle, setze ich den Schlusspunkt selbst.“
Schweigen macht sich im Abteil breit.
Franks Worte hängen im Raum. Die Zahl Achtzig wirkt in seinem Mund wie ein kühler Bilanzposten, eine vertraglich festgelegte Kündigungsfrist für das eigene Dasein.
Während er auf eine Erwiderung wartet, wandern meine Gedanken ab. Vor meinem inneren Auge taucht das Bild von Georg auf. Wir teilten über Jahrzehnte hinweg Gespräche, Pläne und Berufsjahre, bis ein schwerer Schlaganfall seine Welt auf ein Pflegebett in einem Heim am Stadtrand reduzierte. Bei jedem Besuch saß ich an seiner Seite. Seine Augen, früher voller Leben, wirkten getrübt von Sedativa; Schläuche sicherten die Flüssigkeitszufuhr, Monitore überwachten den Herzschlag. Georg konnte kaum verständlich sprechen, doch wenn er meine Hand ergriff, lag darin ein wortloses, verzweifeltes Flehen. Er bat mich jedes Mal darum, endlich gehen zu dürfen. Stattdessen hielt die moderne Gerätemedizin seinen Körper über viele Monate hinweg in einem künstlichen Dämmerzustand gefangen. Ich finde es erschreckend, dass aus einem System, welches vorrangig der Gesundheit und Unterstützung im Alter ein florierender Wirtschaftszweig wurde. Private Pflegeheimbetreiber, Pharmahersteller und medizinische Dienstleister verdienen gut daran, ein rein biologisches Restleben monatelang, oft jahrelang, gegen hohe Pflegesätze zu verlängern. Eine Maschinerie, die das Sterben verwaltet, anstatt Würde zuzulassen. In diesem Licht erscheint Franks radikaler Vorsatz fast wie ein rationaler Fluchtplan vor einer Industrie, die den Menschen im letzten Abschnitt seiner Existenz zur Abrechnungsziffer degradiert.
Ich wende den Blick wieder Frank zu, der mich fragend mustert.
„Ich verstehe Ihre Furcht besser, als Sie vermuten“, sage ich leise. „Ich habe einen Freund im Heim über Monate hinweg langsam dahindämmern sehen, während die Apparatemedizin sein Sterben technisch verhinderte und das Haus monatlich abrechnete. Wer einmal erlebt hat, wie die Pflege zum reinen Geschäftsmodell wird, begreift Ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten Schlussstrich sofort.“
Frank nickt langsam, fast triumphierend. Die Schilderung über Georg scheint seine Überzeugung nicht etwa zu erschüttern, sondern sie im Gegenteil mit neuer Nahrung zu versorgen.
„Sehen Sie“, sagt er und tippt mit der Fingerspitze auf die Kante seines Tablets. „Das bestätigt doch genau meine Rechnung. Wenn man diesen Schritt geht, tut man am Ende nicht nur sich selbst einen Gefallen. Stellen Sie sich vor, jeder hätte diesen Mut – oder zumindest die rechtliche Möglichkeit dazu. Man würde damit einen gewaltigen Beitrag für das Wohlergehen der Allgemeinheit leisten. Keine überlasteten Kassen, keine Generation, die sich für das reine Dämmern der Alten verschuldet.“
Er lehnt sich zurück, der Blick wandert kurz an die Decke des Abteils, als krame er in einer lange verschütteten Erinnerung.
„Ich habe vor etlichen Jahren einmal einen Roman gelesen. Den Titel habe ich vergessen. Die Handlung spielte nach einer Katastrophe – vielleicht war es ein Atomkrieg. Die Überlebenden lebten hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt unter einer schützenden Kuppel. Alles war exakt reguliert: Ressourcen, Nahrung, Raum. Und eben auch das Lebensende. Wer ein bestimmtes Alter erreicht hatte, wurde nicht ins Pflegeheim abgeschoben. Nein, die Gemeinschaft richtete ein riesiges, feierliches Fest aus. Ein ehrenvoller Abschied im Scheinwerferlicht.“
Ein kühles Lächeln umspielt seine Lippen.
„Nach der Feier formierte sich eine Prozession. Die Alten zogen gemeinsam durch ein massives Tor, das direkt in eine Felswand geschlagen war. Sobald alle drinnen waren, schloss sich das Portal wieder hermetisch. Dahinter, so erfuhr man es später, wurden ihre Körper in reine Energie umgewandelt – um den Schutzschirm und die Technik der Kuppel für die nächste Generation am Laufen zu halten.“
Er breitet die Hände aus, als präsentiere er eine Bilanz:
„Das war Fiktion, sicher. Aber die Idee dahinter hat eine bestechende, fast mathematische Logik: Der Einzelne scheidet zum Höhepunkt aus, fällt niemandem zur Last und hinterlässt der Gemeinschaft keinen Schuldenberg, sondern Ressourcen.“
Ich lasse Franks Worte einen Augenblick in der Stille des stehenden Zuges nachklingen. Die Kälte seiner Rechnung ist greifbar; sie passt zu einer Welt, die den Wert eines Menschen nach seiner bilanziellen Nützlichkeit bemisst.
„Ich kenne das Buch“, erwidere ich ruhig und schaue ihm direkt in die Augen. „Ich habe es in meiner Jugend gelesen. Der genaue Titel will mir im Moment auch nicht einfallen, aber die Geschichte ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben.“
Frank blickt überrascht auf, sichtlich erfreut über die unerwartete Resonanz. Doch ich lasse ihm keine Zeit, den Gedanken weiter in seiner Richtung zu spinnen.
„Sie erinnern sich an das opulente Fest und die geordnete Umwandlung in Energie“, fahre ich fort. „Ich erinnere mich an das, was danach geschah. Eine kleine Gruppe von Bewohnern begann nämlich, die Dogmen der Kuppelverwaltung zu hinterfragen. Sie weigerten sich, das verordnete Verfallsdatum als unumstößliches Gesetz hinzunehmen, wagten den Ausbruch und traten zum ersten Mal durch eine verborgene Schleuse nach draußen – jenseits des Schutzschirms.“
Ich halte kurz inne. Im Abteil ist es so still, dass das leise Ticken einer Armbanduhr hörbar wird.
„Sie fanden dort draußen keine verbrannte Erde vor und keine tödliche Strahlung. Sie blickten auf blühende Bäume, weite, unberührte Wiesen und Tiere. Draußen pulsierte das echte Leben – völlig unbeeindruckt von den künstlichen Schreckensszenarien, mit denen man die Menschen unter der Glaskuppel in ständiger Anpassung und Angst gehalten hatte.“
Ich lehne mich etwas vor und senke die Stimme:
„Die Kuppel war kein Schutz vor der Vernichtung, Frank. Sie war ein geschlossenes System, das den Menschen eingeredet hatte, ihre Existenz sei eine ständige Mangelwirtschaft, die ab einem gewissen Tag keinen Platz mehr für sie bereithält. Das Fest und die Verwandlung in Energie waren nichts anderes als ein staatlich inszenierter Betrug, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Wer das verordnete Ende akzeptierte, starb nicht für die Gemeinschaft – er verpasste schlicht die Welt, die draußen auf ihn gewartet hätte.“
Nach einer Pause sehe ich Frank direkt an. „Sie planen Ihren Abgang auf den Tag genau mit achtzig Jahren. Doch das Leben fragt weder nach Geburtsdaten noch nach Geschäftsplänen. Sie gehen davon aus, dass Sie bis dahin die volle Kontrolle behalten. Aber die Natur hält sich an keinen Kalender.“ Ich lehne mich zurück. „Gestern feierte ich meinen achtzigsten Geburtstag. Genau die Schwelle, die Sie für sich als Endpunkt setzen. Glauben Sie mir: Natürlich habe auch ich über mein Ableben nachgedacht. Niemand möchte als Pflegefall enden, gequält von Dauerschmerzen oder ausgeliefert an Apparate bei einer unheilbaren Krankheit. Auch ich will das nicht. Aber meine Konsequenz sieht anders aus: Ich habe eine Patientenverfügung verfasst. Sie sorgt dafür, dass mein Wille respektiert wird, wenn das Urteilsvermögen versagt, und dass die Medizin mich nicht künstlich an ein Dasein fesselt, das nur noch aus Qual besteht.“
Frank mustert mich nachdenklich. Vor ihm sitzt ein Mann, der genau jene Wegmarke bereits erreicht hat, die von ihm gesetzt wurde.
Pater Johannes richtet sich auf seinem Sitz auf, neigt den Kopf leicht zur Seite und sucht den Blickkontakt zu mir. „Eine Patientenverfügung zeugt von Verantwortungsbewusstsein“, beginnt er mit bedächtiger Stimme. „Sie respektiert die Endlichkeit und verzichtet darauf, das Sterben mit Apparaten künstlich hinauszuzögern. Doch zwischen dem Verzicht auf sinnlose Behandlungen und dem planvollen Festsetzen eines eigenen Todesdatums liegt ein tiefer Abgrund.“ Sein Blick wandert hinüber zu Frank. „Wer eigenmächtig eine Frist diktiert, greift nach einer Kompetenz, die dem Menschen entzogen ist. In der Schrift heißt es nicht ohne Grund: Von dem Tag und der Stunde weiß niemand.“
Frank schnaubt leise. „Ein frommer Satz, der zur Untätigkeit mahnt. Warum sollte man den Endpunkt des Lebens dem Zufall überlassen, wenn man ihn nüchtern im Voraus planen kann?“
„Vielleicht liegt in diesem Vers weit mehr als ein religiöses Verbot“, schalte ich mich ein. „Betrachtet man die Überlieferung, brachte die Trennung von Gott dem Menschen die Sterblichkeit. Doch die Tatsache, dass der Schöpfer den Zeitpunkt unseres Endes im Dunkeln beließ, war keine Strafe, sondern ein Akt tiefster Barmherzigkeit.“
Sophie blickt von ihren Notizen auf. Auch Frank hält inne.
„Stellen wir uns vor, der Mensch kenne den Tag und die Stunde seines Ablebens“, führe ich den Gedanken weiter. „Von Geburt an trüge jeder ein festes Ablaufdatum mit sich herum. Wie sähe ein solches Dasein aus? Das Leben verkäme zu einer Hinrichtung auf Raten, zu einem unerbittlich ablaufenden Zähler. Jede unbeschwerte Minute, jedes echte Handeln im Jetzt erstickte unter dem Gewicht des drohenden Termins. Man verfiele entweder in Verzweiflung oder in lähmende Gleichgültigkeit. Dass der Mensch weder den Tag noch die Stunde kennt, ist die Voraussetzung dafür, hoffnungsvoll und sinnschaffend leben zu können. Diese Unkenntnis schützt uns. Wenn Sie sich an den Schreibtisch setzen und den achtzigsten Geburtstag als Schlusspunkt festlegen, hebeln Sie diesen Schutzmechanismus mutwillig aus. Sie bauen sich selbst jenes Gefängnis, vor dem die Schöpfung uns bewahrt hat.“